Kapitel 2 - Großvater Albert

"Wo wart ihr denn schon wieder?" ruft Großvater Albert, als er Little und Luna erkennt, die sich wie jeden Morgen ein Wettfliegen auf den ungefähr letzten einhundert Metern ihres Heimweges liefern. Großvater Albert sieht gespannt in die Luft, obwohl er schon ahnt, dass Luna mal wieder den Sieg davontragen wird. Und tatsächlich! "Erste" schreit Luna, als sie mit Karacho auf dem breiten Ast etwas unterhalb der Eingangstür auf dem efeuberankten Baum landet, der ihr Zuhause ist. "Du hast bestimmt geschummelt" grummelt Little, als er sich einen Augenblick später geschickt neben niederläßt. "Wie hätte ich das denn machen sollen, du Doofie, Zeitsprung oder was?" Luna tippt sich mit der Flügelspitze gegen die Stirn. "Keine Ahnung" grummelt Little weiter "Du findest immer einen Weg mich auszutricksen.
Außerdem möchte ich Dich höflichst bitten, mich nicht Doofie zu nennen". "Aber wenn Du doch einer bist" antwortet Luna und kneift dabei verschmitzt die Augen zusammen, um auf Littles Gegenschlag zu warten. "Nun hört aber auf zu streiten. Erzählt mir lieber, wo ihr die ganze Nacht gesteckt habt" sagt Großvater Albert sanft, hängt seinen Gehstock in eine Efeuranke und läßt sich in dem Schaukelstuhl nieder, der auf der Terrasse steht. Naja, eigentlich ist es keine richtige Terrasse, sondern ein gewaltiger Baumpilz, der einmal rund um den Stamm des Baumes wächst. Aber er ist so breit und stabil, dass man ihn wunderbar als Veranda benutzen kann.

Großvater Albert schmaucht genüßlich sein Pfeifchen und wartet gespannt auf die Erzählungen seiner Enkelchen. "Nun ja" beginnt Little, ich habe mich den Großteil der Nacht mit Literatur beschäftigt, die dem Leser die Gewohnheiten und das Leben der Meeresbewohner näherbringt." "Oh, ich habe mich mit Literatur beschäftigt", äfft Luna ihren kleinen Bruder nach. Wütend dreht sich Little zu seiner Schwester um, doch bevor er etwas darauf antworten kann, ergreift Großvater Albert wieder das Wort. "Luna, bitte unterbrich Deinen Bruder nicht. Es ist nicht sehr nett, dass Du ihm ins Wort fällst". Beschämt schaut Luna in Richtung des Astes unter ihren Füßen und setzt an, einen kleinen Käfer mit ihrem Fuß herunter zu schiessen. "LUNA" donnert Little ihr entgegen. "Wenn Du das machst, dann...". "Was dann" fragt Luna mit einem sehr übertriebenen Schulterzucken. "Kinder" schaltet sich Großvater Albert, lange nicht mehr so sanft ein, "ich glaube es ist Zeit, dass ihr schlafen geht, das ist ja kaum auszuhalten. Lasst uns hineingehen, es ist schon früh."

Ausnahmsweise widersprechen die beiden nicht und trotten artig hinter ihrem Großvater ins innere des Baumes. Sie gelangen direkt in die Stube, die gleichzeitig auch die Küche ist. Auf dem runden, wurmstichigen Holztisch brennt eine Kerze, die den Raum in ein warmes Licht hüllt. Eigentlich benötigen Fledermäuse natürlich kein Licht, da sie sich in der Dunkelheit hervorragend zurechtfinden, aber der gute Albert hat sehr lange mit einem Menschen zusammengelebt und einige der Angewohnheiten der Menschen übernommen. Er mag es einfach gemütlich und ehrlich gesagt ist es für mich einfacher die Geschehnisse durch meine Kugel zu verfolgen. Im Gegensatz zu Fledermäusen kann ich nämlich nicht im Dunkeln sehen. Es sei denn ich benutze meine Spezialbrille, aber wie so oft  weiß ich mal wieder nicht, wo sie steckt.

Der Tisch innerhalb des Baumes ist bereits reichlich gedeckt. Verschiedene getrocknete Insekten, aber auch Gemüse und das Fallobst der Saison warten darauf, genüßlich verspeist zu werden.

"Hui, ich habe einen Bärenhunger", stöhnt Luna und läßt sich auf den kleinen Hocker fallen, um zugleich nach einem Apfel zu greifen. "Luna", hebt Großvater Albert ermahnend an." "Würdest Du Dir bitte Deine Pfoten waschen, bevor Du Dich an den Tisch setzt? Du kennst die Regeln". "Herrjeh, hab ich vergessen", flüstert Luna mit einem ertappten Lächeln, springt dann aber gleich auf, um sich die Pfoten in der Waschschüssel zu säubern, die auf der Arbeitsplatte steht. Natürlich kommt sie nicht umhin, erst einmal ihren Bruder anzurempeln, der sich seine Pfoten bereits abtrocknet. Little macht einen Ausfallschritt zur Seite und kann gerade noch sein Gleichgewicht halten. Seine Brille verrutscht dabei praktisch auf "halb acht", so dass das eine Glas auf der Wange und das andere auf der Stirn prangt. Wütend funkelt er seine Schwester an, aber nachdem Luna in ein kräftiges Lachen ausbricht, kann er doch nur noch mit einstimmen. Es ist ja nichts passiert und Little sieht wirklich zu komisch aus. Auch Großvater Albert kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Immer noch kichernd setzen sich die drei an den Tisch und greifen beherzt zu.

"Juchuu, ich habe einen Apfel mit Wurm erwischt" freut sich Little, "ich hoffe, es ist ein besonders Großer, ich befinde mich ja noch im Wachstum." Luna verdreht etwas genervt die Augen und hofft, dass auch sie einen Apfel mit Fleischeinlage erwischt. "Bingo" ruft Luna, "ich habe auch einen und der ist bestimmt viel größer als Deiner!"  Doch Little hat beschlossen, seine Schwester vorerst zu ingnorieren.

Es wurde ihm nun doch zu blöd und manchmal  ist es das Klügste, Nervensägen einfach zu ignorieren. "So ihr beiden, nun erzählt mir doch mal, was ihr die ganze Nacht getrieben habt", versucht Großvater Albert einen zweiten Versuch. "Du warst also fleißig und hast gelesen" beginnt Großvater Albert. "Hast Du das Buch denn unversehrt zurückgegeben?" Luna hört augenblicklich auf zu kauen und schaut flehend in Littles Richtung. Sie befürchtet, dass ihr Großvater von dem Spuckevorfall erfahren würde. Sie hält die Luft an, als Little zu sprechen beginnt. "Natürlich, es ist völlig heil und trocken bei Meister Uhu angekommen." Little schaut Luna an, die ihm ein klitzekleines Lächeln zuwirft und mit Appetit weiter isst.

"Und Du, mein Schatz?" fragt Großvater Albert weiter und sieht Luna liebevoll an. "If habe naf Feen gefucht" schmatzt Luna mit vollem Mund und dicken Backen. Doch ein Blick ihres Großvaters genügt. Dieser macht ihr unmißverständlich klar, dass ihr Mund wohl zu voll zum Sprechen ist. Nachdem sie hastig geschluckt hat, entschuldigt sie sich in aller Form und beginnt erneut. "Ich habe nach Feen gesucht. Lilly von nebenan hat mir erzählt, dass neulich einige gesichtet wurden! Aber leider habe ich keine gefunden. Ich hätte so gerne mal eine gesehen!" "Weißt Du, meine Kleine" sagt Großvater Albert, "Feen sind tagaktiv, sie kümmern sich um die Blumen und Pflanzen und manchmal auch um die Tiere, wenn sie Hilfe brauchen.  Und nachts schlafen sie, genau wie die Blumen." "Na toll", das hätte ich früher wissen müssen, jetzt habe ich die ganze Nacht verschwendet" trotzt Luna und schiebt beleidigt die Unterlippe vor. "Wenn Du Deine hübsche Nase öfter mal in ein Buch stecken würdest, hättest Du es gewußt", lächelt Großvater Albert. "Ja ich weiß, aber ich bin immer zu beschäftigt", entgegnet Luna und versucht dabei sehr wichtig dreinzuschauen. "Na wenn das so ist" schmunzelt Albert und wendet sich wieder seinem Teller zu.

Der gute Albert ist einfach viel zu nachgiebig. Mindestens hundertmal habe ich ihm schon gesagt, dass er strenger zu den beiden sein sollte, insbesondere zu Luna, da sie ihm sonst eines Tages auf der Nase herumtanzen wird. Er entgegnet jedes mal ein stöhnendes "Ich weiß, ich weiß! Aber ich möchte, dass sie glücklich aufwachsen, wenn sie schon ohne ihre Eltern durchs Leben gehen müssen". Was soll man da noch sagen?

Nachdem alle drei das Abendessen beendet haben und satt und zufrieden auf ihren Stühlen sitzen, fragt Großvater Albert sehr ernst in die Runde: "Sagt mal ihr zwei, habt ihr eine Erklärung dafür, wie mein Stock heute morgen unter den Küchenschrank gekommen ist und zwar in die hinterste Ecke?" "Nöööö", ertönt es aus beiden Mündern gleichzeitig, "woher sollen wir das denn wissen" beteuern beide sehr scheinheilig. "Aha, dann hat er sich wohl von selbst dort versteckt" sinniert der Großvater. "Bestimmt" krächzt Little verschwörerisch "ich habe davon gehört, dass Stöcke das manchmal tun, insbesondere wenn sie verhext sind. Frag doch mal Ana, vielleicht hat sie was damit zu tun", versucht der Kleine so ernst wie möglich zu entgegnen. "Vielleicht hat sie wieder mal einen neuen Zauber versucht, der richtig daneben gegangen ist." Luna lacht laut auf, "Ja, so wie damals, als sie uns zeigen wollte, wie man die Fenster unter Anwendung von Magie putzt und anschließend das komplette Haus gläsern war". Little prustet los "und das Beste war, dass das Glashaus genauso schmutzig war, wie die Fenster vorher." Sogar Großvater Albert muss beim Gedanken daran so lachen, dass sein kleines Kinnbärtchen wippt und ihm die Augen feucht werden.

Ja, dieses Malheur liegt schon ein Weilchen zurück. Ich weiß auch nicht, was da schiefgegangen war. Ich habe alles so gemacht, wie ich es gelernt hatte. Meine Schwester Winni hat mir damals glücklicherweise geholfen, das Haus wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Sie hat in der Hexenschule wohl doch besser aufgepaßt. Leider waren die Fenster nach der Rückverwandlung immer noch schmutzig, so dass ich sie alle von Hand putzen mußte. Aber ich werde es irgendwann wieder versuchen, wenn Winni mich besucht. Nur zur Sicherheit, falls nochmal etwas schief geht.

Ihr denkt nun vielleicht, dass es nicht nett ist, den Stock des Großvaters zu verstecken, so dass er ihn mindestens eineinhalb Stunden suchen muss. Eigentlich stimmt das auch. Aber nachdem Dr. Dachs bei der letzten Untersuchung festgestellt hat, dass Großvater Albert sich mehr bewegen müsste, da er sonst einrostet, er sich aber darauf so garnicht einlassen wollte, haben Little und Luna sich diesen Trick überlegt. So bewegt der Großvater sich wenigstens regelmäßig. Er mag es natürlich nicht zugeben, aber seitdem fühlt er sich viel besser, ist beweglicher und einfach gut drauf.

"Hoffentlich kommt Ana uns an unserem Geburtstag nächste Woche wieder besuchen" sagt Little und läßt ein herzhaftes Gähnen hören. "Oh ja" freut sich Luna, "Sie hat immer so tolle Partyideen, die anderen Kinder freuen sich auch immer sehr darauf". "Aber das mit dem Feuerwerk lassen wir lieber" bemerkt Little leise und hat Mühe, die Augen geöffnet zu halten. "Ich bin nur froh, dass ihr Löschzauber funktionierte, nachdem sich das Zwergenfeuer in ein Riesiges verwandelte und fast unseren Baum in Brand gesteckt hatte." "Jaaa" gähnt Luna herzhaft, "das hätte wirklich schlimm ausgehen können, mit Feuer ist nicht zu spaßen!" "So meine Lieben" sagt Großvater Albert, nun geht schlafen, ich erledige den Abwasch heute, ihr könnt ja kaum noch stehen."

"Ja, das machen wir", antworten beide gleichzeitig, umarmen ihren Großvater noch kurz und fliegen den hohlen Stamm bis zur Spitze hinauf, in der sie sich kopfüber in ihre Schlafpositionen begeben und innherhalb von Sekunden einschlafen.

Großvater Albert löscht die Kerze und murmelte vor sich hin: "Wenn die beiden nur wüßten, was sie nächste Woche erfahren werden, wenn Ana uns einen Besuch abstattet. Sie werden staunen, wer sie noch beehrt an ihrem Ehrentag. Hoffentlich geht das alles gut aus."