Kapitel 1- Little & Luna

"Bäääääähhhh" machte Luna und hing dabei kopfüber von einem Ast herab, als sie sich mal wieder über ihren kleinen Bruder lustig machte. "Och menno Luna" entrüstete sich Little und verschränkte wütend die Flügel vor seiner behaarten Brust. "Jetzt hast Du mein Buch vollgespuckt". Unbeholfen versuchte er die kleinen Spucketröpfchen von den Seiten zu wischen, was sich als nicht so einfach gestaltete, da er ja keine Hände mit Fingern sondern Flügel hatte. "Hihihi" kicherte Luna und schaukelte, noch immer kopfüber hängend, wild hin und her. Die kleine rote Blume, die sie stets als Schmuck auf ihrem Kopf zwischen den großen Ohren trägt, rutschte bedenklich, hielt dann aber doch.

Es hätte mich sehr gewundert, wenn sie herabgefallen wäre, schließlich habe ich diese Blüte, die vom äußersten Rande des Mitternachtswaldes stammt, mit einem Heftzauber an ihrem Kopf befestigt.

Heftzauber? Ja, da habt ihr richtig gelesen. Aber dazu kommen wir später. Zuerst will ich Euch zu Ende erzählen, was ich vorhin in meiner Kristallkugel sah, damit ihr wißt, mit wem ihr es zutun habt.

Nachdem Little, der eigentlich mit vollem Namen Litthard heißt, sein Buch umständlich abgerieben und mit sehr entschlossenem Gesichtausdruck seine kleine runde Nickelbrille auf seine Nase zurückgeschoben hatte, setzte er mit einer seiner üblichen geschwollenen Reden an. "Luna, ich habe Dir schon hundert Mal gesagt, dass man Bücher gut behandeln muss! Vor allem, wenn sie nur ausgeliehen sind". Er sah wirklich sehr schlau aus, als er das sagte, während er mit seinem rechten Flügel wild vor Lunas Gesicht rumfuchtelte. Luna ließ sich fallen und landete, nach einer in der Luft vollführten Rolle rückwärts, geschickt auf Littles Ast. "Jaaa ich weiß, tut mir Leid, ich wollte das nicht, ganz ehrlich, ich schwöre". Während sie das sagte, kreuzte sie verschwörerisch die Flügel vor ihrer Brust.

Little rümpfte die Nase "Ich hoffe, dass das wieder trocknet, sonst erlaubt mir der Meister bestimmt nicht, nochmal eines seiner Bücher auszuleihen". "Pfff, Du und der große Meister" keckerte Luna "er wird schon nichts merken, oder glaubst Du, er kontrolliert das Buch nach Spuckeflecken"? "Darum geht es nicht, Du weißt, dass ich Schriftsteller werden möchte und da ist es sehr wichtig, dass ich vorher ganz viel lese. Und der Meister hat nunmal die größte Bibliothek des ganzen Mitternachtswaldes" schwärmte Little."Du müsstest das mal sehen! Und mindestens die Hälfte davon  hat er selbst geschrieben". 

Nun zur Erklärung: der Meister, ist der wohl gebildeteste und älteste Uhu des ganzen Waldes. Tatsächlich besitzt er die größte Büchersammlung weit und breit und mindestens die Hälfte davon hat er selbst geschrieben. Er lebt in einer unglaublich alten Eiche, die so groß ist, dass man mindestens 10 Menschenkinder benötigt, die sich  an den Händen halten müssen  um den Stamm zu umarmen. In dieser alten Eiche beherbergt er auch seine private Bibliothek. Zudem und darauf ist Little ganz besonders stolz, trägt der Meister wie er selbst eine Brille. Little ist der Meinung, dass schlaue Personen immer Brillen tragen und dadurch noch intelligenter wirken, als sie es ohnehin schon sind.

Luna kann auch darüber nur lachen, ist aber so nett und läßt ihren kleinen Bruder in dem Glauben. Dass die beiden eigentlich Zwillinge sind, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Luna wurde 5 Minuten vor Little geboren und besteht daher auf ihr Recht, die Ältere zu sein.

Habt ihr schon herausgefunden, wer Little und Luna eigentlich sind? Falls nicht, sage ich es Euch nun einfach frei heraus: Die beiden sind zwei sehr gewitzte Fledermauskinder, die seit ihrer Geburt im Mitternachtswald zuhause sind und so gut wie  jeden Tag aufs Neue die Nachbarschaft aufmischen. Ich kenne die beiden seit Ihrer Geburt und werfe seitdem immer wieder ein Auge auf die beiden Racker, damit sie nicht in Schwierigkeiten geraten.

Leider verschwanden Ihre Eltern kurz nach Ihrer Geburt spurlos aus dem Mitternachtswald, so dass ihr Großvater Albert sich seitdem um sie kümmert und sein Bestes gibt, dass aus den beiden etwas anständiges wird. Oftmals treiben die Zwei ihn mit ihren Streichen und meist doch sehr naseweisen und manchmal sogar frechen Antworten an den Rande der Verzweiflung. Großvater Albert kann schon nicht mehr zählen, wie oft er seinen Stock schon an den ungewöhnlichsten Orten wiedergefunden hat. Little und Luna haben selbstverständlich gar nichts damit zu tun, wie sie immer wieder beteuern und dabei die schönsten Kulleraugen machen.

Kommen wir zurück zu der Stelle mit dem Heftzauber. Ich beherrsche tatsächlich den einen oder anderen Zauber, die je nach meiner Tagesform gelingen oder leider auch mal so richtig nach hinten losgehen. Mein windschiefes Häuschen steht am Rande des Mitternachtswaldes versteckt im Dickicht und etwa einen halben Tagesritt mit dem Besen von Little und Lunas Zuhause entfernt. Neben den Tieren des Waldes kümmere ich mich um die Menschen der nahen Stadt, die mich mit ihren Problemchen wie Husten, Ausschlag oder Liebeskummer aufsuchen. Ich habe mein Haus allerdings mit einem kleinen Zauber belegt, so dass man es nur zu finden vermag, wenn man es wirklich will und gute Absichten hat. Sollten jemand keine guten Absichten haben, oder mich aufsuchen wollen, um anderen Menschen oder auch Tieren zu schaden, können sie lange suchen. Die Menschen nennen mich zwar die Hexe Ana, ich selbst würde mich aber eher als Heilerin bezeichnen, die eine leichte Tendenz zur Zauberei hat. Aber wie gesagt, es klappt leider nicht immer so, wie ich es mir vorstelle. Nachdem Oona und Phillipus, die Eltern von Little und Luna verschwunden waren, übernahm ich neben dem Phoenix Feuerzunge die Patenschaft für die Beiden.

Nun aber genug von mir und zurück zu den beiden Schlitzohren. Ich sehe gerade, dass sie ihren Lieblingsbaum verlassen haben und sich auf den Heimweg machen. So langsam wird es aber auch Zeit. In zwei Stunden geht die Sonne schon auf.  Nanu, wo wollen sie denn nun hin? Anstatt weiter geradeaus zu fliegen sind sie an der alten Fichte links abgebogen. Aber natürlich, sie statten Meister Uhu noch einen Besuch ab.

"Flieg schneller Luna, ich möchte nicht zu spät kommen". "Jaja, ist schon gut, ich mach ja schon so schnell ich kann." Einige Minuten später landen die beiden auf dem großen Ast an dessen Ende sich die kleine Tür zur Bibliothek des Meisters im riesigen Stamm des Baumes befindet. Luna überprüft noch schnell den Sitz Ihrer Blüte, während Little sich akribisch das Buch anschaut, damit nicht noch irgendwo ein Blatt oder eine Tannenadel an ihm haftet. Dann hebt er seinen Flügel, um den Türklopfer zu betätigen, der den sehr gruseligen Kopf eines Werwolfes zeigt, der einen schweren Eisenring im Maul hält. Bevor Little jedoch den Türklopfer berühren kann, öffnet sich die Tür wie von Geisterhand und schwingt mit einem leisen knarren ganz auf. Luna läuft ein Schauer über den Rücken und ihr ist plötzlich ganz fröstelig zumute. "Wie macht er das nur immer?" flüstert Luna ihrem Bruder ins Ohr." "Keine Ahnung" wispert Little ehrfürchtig zurück.

"Kommt nur herein, ich habe Euch schon erwartet". Die sonst so mutige Luna fühlt sich plötzlich ganz klein, als sie ein Stückchen vor dem Ohrensessel des Meisters stehen bleibt. Meister Uhu blickt über den Rand seiner Brille und legt das Buch zur Seite, aus dem er gerade gelesen hatte. "Ich freue mich, Euch zu sehen und hoffe, dass ihr fleißig gelesen habt UND mir mein Buch in unversehrtem Zustand zurückbringt". "Klar" platzt es laut aus Luna heraus, woraufhin Little sie  so unauffällig wie möglich in die rechte Pobacke kneift. "Autsch, menno Li..." braust sie erst auf, schaut dann aber betreten auf den Boden und stammelt ein "t´schuldigung".

Der Meister läßt sein rostiges aber sehr herzliches Lachen ertönen, so dass Luna sich ein wenig entspannt. "Ich, ähm, also" stammelt Little. Er räuspert sich kurz und beginnt den Satz erneut. "Eigentlich ist das Buch in Ordnung, ähm, nur...Luna hat reingespuckt". Luna weicht augenblicklich sämtliche Farbe aus ihrem Fell, sie schämt sich sehr offensichtlich. Allerdings scheint sie sich kurz darauf bereits zu  überlegen, wie sie sich dafür bei Little rächen kann. "Olle Petze" presst sie zwischen den Zähnen hindurch. Meister Uhu runzelt die Stirn und sieht die beiden weiterhin über den Rand seiner Brille an. "Es war ein Versehen, sie hat es nicht absichtlich getan", schiebt Little hinterher. "Man sieht es garnicht mehr und es waren auch nur ein paar kleine..." Little verstummt erschrocken, als der Meister hörbar einatmet. Doch dieser lächelt "Ist schon gut, zeig mal her". Little schlägt die Seite auf und es ist glücklicherweise wirklich nichts mehr zu sehen. Der Meiste lacht wieder. "Es geht in diesem Buch um die Bewohner des Meeres, die werden so ein bißchen Spucke schon vertragen können." Erleichtert stimmen Little und Luna in das Lachen des Uhus ein. Nachdem sie noch ein Glas Mäusemilch und sehr köstliche, getrocknete Heuschrecken aus Afrika genossen haben, machen sie sich auf den Weg nach Hause, wo Großvater Albert schon auf sie wartet.

Hier noch einmal die wundervolle Illustration zu Kapitel 1 in größer: